Bildkompositionen
G.I.W. verfolgte ihren künstlerischen Weg mit eindrucksvoller Eigenwilligkeit und Konsequenz. In der Nachkriegszeit wurde ihr die Kunst zu einem Mittel, die Erschütterungen der NS-Diktatur und des Krieges zu verarbeiten.
In vielen Porträts dieser Zeit spiegeln sich diese Erfahrungen in Haltung und Ausdruck der Dargestellten. Für G.I.W. war das künstlerische Arbeiten eine existentielle Notwendigkeit, die ihr auch in persönlichen Krisenzeiten Halt gab.
In Selbstbildnissen und Darstellungen anderer Menschen suchte sie nach Selbstvergewisserung. Auch ihre Stillleben sind davon geprägt: Die arrangierten
Gegenstände erscheinen – einzeln oder in Gruppen – wie Stellvertreter menschlicher Präsenz. Alltägliche Dinge gewinnen dabei eine eigentümliche, bisweilen magische Bedeutung.
Angeregt durch die in Deutschland lange verfemte Malerei der klassischen Moderne entwickelte G.I.W. eine eigenständige Bildsprache. Ihre Kompositionen zeigen bewusste Brüche in der Darstellung von Körper und Raum. Gegenständliche, perspektivisch erfasste Motive gehen in flächig gestaltete Bildräume über. Zugleich lösen sich die Farben zunehmend von der Gegenstandsbindung und entfalten eine eigene Wirkung. Dicht gesetzte Farbflächen erzeugen spannungsreiche Klangräume – zwischen Tiefe und Zartheit, zwischen gedämpften und leuchtenden Tönen.
Die gesellschaftlichen Einschränkungen, denen sie als Frau, alleinerziehende Mutter und Künstlerin in den 1950er Jahren ausgesetzt war, finden Ausdruck in ihren großformatigen Arbeiten zum Thema Mutter und Kind.
G.I.W.s Werke vermitteln ein Gefühl von Weite und Offenheit – als Gegenentwurf zu gesellschaftlicher Enge. In ihrem Tagebuch notierte sie einen Satz, der sowohl Theodor W. Adorno als auch Walter Benjamin zugeschrieben wird: „Kunst ist der Statthalter der Utopie.“
Trotz ihres wachen Interesses an zeitgenössischen Strömungen bewahrte sich G.I.W. stets eine große künstlerische Unabhängigkeit. Auch in Phasen des Informel und der Konkreten Kunst blieb sie dem Gegenstand verpflichtet.
Ihre Lebensgeschichte und ihr künstlerischer Weg können uns heute zeigen, dass es zu jeder Zeit möglich ist, ein Gegenbild zu setzen.
Ausstellung
Eröffnung der Ausstellung:
16. Juli 2026 um 19 Uhr
Ausstellungsdauer:
16. Juli bis 4. September 2026
Einführung in die Ausstellung:
Martina Köser-Rudolph
Eröffnung der Ausstellung am 16. Juli 2026
18:30 Uhr Einlass
19:00 Uhr Musikauftakt
19:05 Uhr Begrüßung Joachim Deichmann
Vorsitzender des Vorstands, Kreissparkasse Reutlingen
19:10 Uhr Einführung in die Ausstellung
Martina Köser-Rudolph
20:30 Uhr Gemeinsamer Ausklang
Gudrun Irene Widmann (G. I. Widmann) 1919–2011
Geboren am 2. Dezember 1919 in Reutlingen wächst Gudrun Irene Widmann in einem kulturell geprägten Elternhaus auf.
Mit dem Ende der Schulpflicht verlässt sie 1934 das Friedrich-List Gymnasium. Sie erlebt die dort praktizierte Pädagogik als demütigend. Der ehemalige Zeichenlehrer erkennt und fördert ihr Talent weiter.
Die 16 jährige studiert ein Jahr an der Kunstgewerbeschule in
Stuttgart.
Ab 1938 studiert sie als zunächst einzige Frau an der Hermann-Göring-Meisterschule für Malerei (ehem. Außenstelle der Kunstakademie Düsseldorf) in Kronenburg/Eifel.
1940 verlässt sie die Schule im Streit mit ihrem Lehrer, Prof. Werner Peiner. Ihr fehlt die künstlerische Freiheit. Zunächst versucht Peiner sie mit dem Angebot einer Dozentenstelle zu halten. Nach ihrem Weggang veranlasst er den Entzug von Farbkarten, möchte die Aufnahme von G.I.W. an anderen Kunsthochschulen verhindern sowie deren Aufnahme in die Reichskulturkammer.
Sie ist zunächst Privatstudentin bei Paul Kälberer. Dieser vermittelt sie als Gaststudentin an die Kunstakademie Stuttgart.
1942 wechselt sie an die Kunstakademie Wien und wird dort Meisterschülerin.
1944 wird sie zum Arbeitsdienst in Reutlinger Fabriken verpflichtet.
1940-45 Tod des Vaters, beide Brüder fallen, das Elternhaus in der Karlstraße in Reutlingen wird durch Bombe zerstört. Verlust aller bis dahin entstandener Arbeiten.
Nach schwierigen Nachkriegsjahren bezieht GIW zusammen mit ihrer Mutter ein Haus mit Atelier in Reutlingen-Sondelfingen.
1954 wird ihr Sohn David geboren.
1959 heiratet sie den Schriftsteller Gerd Gaiser (1908 – 1976). Sohn Lorenz wird geboren. Umzug der Familien Gaiser und Widmann in ein Haus mit Atelier in Reutlingen.
GIW stirbt am 28. 7. 2011 in Reutlingen.
Sie arbeitete 70 Jahre lang intensiv als Künstlerin, vorwiegend als Malerin und zeigte ihre Arbeiten in zahlreichen Ausstellungen in Reutlingen, der Region und überregional.
Mitbegründerin der KünstlerInnengruppen: Notgemeinschaft Reutlinger und Tübinger Künstler, und der KünstlerInnengruppe Ellipse, Mitglied bei der GEDOK und im Bund Bildender Künstlerinnen Württemberg.